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Die Sprache der Bäume

(aus dem Fundus der letzten 70 Jahre des ÖVRG)


Betrachten wir die Gewohnheiten von indigenen Völkern, so werden wir bemerken, dass das Wissen um eine beseelte Landschaft auf der ganzen Welt verbreitet war und noch ist. Viele Kulturen hatten ihre Dorfältesten, die die Aufgaben übernahmen mit einer anderen Welt in Verbindung zu treten. Die Nachricht, die sie aus dieser anderen Dimension mitbrachten, beeinflusste den Lebensablauf der gesamten Dorfgemeinschaft. So wurden Eingriffe in die Landschaft wie zum Beispiel der Hausbau, nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten durchgeführt. Die Menschen lebten in einer Zeit, die von der Natur vorgegeben wurde. Ein Ritual zur Begrüßung des Lichts unter einem Baum hatte am 21.12. zu erfolgen. Der Wechsel von der Dunkelheit hatte diesen Tag vorgegeben. Diese Feier fand auch nur dann statt und es gab strenge Strafen, wenn ein heiliger Baum zu einem falschen Zeitpunkt besucht wurde. Sämtliche Begebenheiten des Alltags waren zu dieser Zeit in einem ständig pulsierenden Rhythmus eingebettet. Die Polarisierung von Gut und Schlecht hat es in dem Sinn, wie wir das heute kennen noch nicht gegeben. Die Menschen hatten einen Sinn für die Ganzheit. Ähnlich wie in einem Spinnenmetz, wurden die Bewegungen, die Handlungen und die Gedanken einzelner Menschen von allen anderen wahrgenommen. Dadurch hatte jedes Individuum Einfluss auf die gesamte Gruppe. Diese Verbindung funktionierte aber nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Menschen und Bäumen und sogar zwischen Pflanzen und Tieren. Jeder Veränderung im Mikrokosmos verursachte eine Veränderung im Makrokosmos. In dieser Sichtweise ist die Erde und der Kosmos in einem gigantischen System von Informationen miteinander verknüpft. Diese Verbindung besteht auch heute noch, doch wird sie von kaum jemandem wahrgenommen. Die jüngsten Entdeckungen der theoretischen Physik bestätigen dieses uralte Wissen von Neuem, doch es wird noch einige Zeit dauern, bis diese Erkenntnisse in der Gesellschaft anerkannt und auch umgesetzt werden.


In der heutigen Zeit sind vieler der alten Rituale aus unserem Alltag verschwunden, da die von der Natur vorgegebenen Rhythmen ignoriert werden. Es gibt zu jeder Jahreszeit Sommerobst, die Wintermode wird schon im Spätsommer davor angepriesen und im Winter können wir den Urlaub in warmen Ländern verbringen. Das sind nur einige von vielen Beispielen wie wir uns von den Rhythmen der Natur losgelöst haben. Heute wird die Forderung laut, dass jeder Mensch, der in seiner Tätigkeit Verantwortung über Teile der Landschaft übernimmt, und sei es „nur“ im eigenen Garten, mit der zu untersuchenden Landschaft in Kontakt treten soll, um so eine harmonische Umsetzung seiner Planung verwirklichen zu können. Diese Kontaktaufnahme ist nicht als okkulter Ritus zu verstehen, sondern als Hineinhorchen in die eigenen intuitiven Gedanken, die bei der Beschäftigung mit dem jeweiligen Baum wach werden.

 

Voraussetzung für die Begegnung mit Bäumen

  • die Sensibilisierung der intuitiven Wahrnehmung,

  • das Studium der Sagen und Legenden zu den einzelnen Bäumen

  • das öftere Aufsuchen von Bäumen zu unterschiedlichen Zeiten, um

  • die Eigenart derselben in den verschiedene Wetter- und Jahreszeiten kennenzulernen.

 

Zugang zum mythischen Wissen

 

In vielen Mythen von verschiedenen Völkern findet sich diese direkte Verbindung zum Himmel. Die Aborigines sprechen von der mythischen Traumzeit, die Christen vom Paradies, wo eine harmonische Verbindung aller Lebewesen untereinander und zur Schöpferkraft vorhanden war. Über Erzählungen werden Beschreibungen geschaffen, über die wir Zugänge zu den alten Verbindungen der Welt erhalten.


Die Aborigines sagen, die Traumzeit ist ununterbrochen und gegenwärtig, ein Lebenszyklus ohne Anfang und Ende, eine parallele Realität, die alles enthält. Die „Traumzeit“ ist die ferne Zeit der Geisterahnen.


Es gibt demnach eine parallele Realität, in die wir reisen können. Da begegnen uns Menschen, Tiere, Wesenskräfte, die fern sind aber ununterbrochen gegenwärtig und in Verbindung mit dem Universum. Wir berühren das All-eine. Wir können uns verbinden mit dem unermesslichen Wissen, es wird auch „stilles Wissen“ bezeichnet. Es ist das kollektive Unbewusste, die Archetypen, das Wissen unserer Vorfahren, das Wissen tausender Generationen des Lebens auf dieser Erde.


Das Eintreten in eine andere Wahrnehmung von anderen Welten findet über das Erreichen der eigenen Mitte statt.  Durch das in der Mitte Sein hat man die Möglichkeit, Zugang zu diesem Wissen der gesamten Menschheitserfahrung zu finden. Diesen Zugang können wir auch in der Kommunikation mit den Bäumen wiederfinden.


Als Übung stelle ich Ihnen die Weide etwas näher vor, indem Sie sich auf eine Reise einlassen und den Baum in seinem Charakter näher kennen lernen.

 

Sie machen eine imaginäre Reise. Sie gehen durch eine Au entlang eines mäandrierenden Baches. Alles hier herum ist lebendig und voller Ausstrahlung. Eine angenehme Feuchtigkeit steht in der Luft, das Sonnenlicht kommt gebrochen durch die Baumkronen. Der Wald ist dicht verwachsen mit hohen krautigen Pflanzen. Sie wandern durch eine duftende Bärlauchdecke. Sie steigen über umgestürzte Baumstämme, der Geruch der frischen Erde kommt ihnen entgegen. Es ist ein unberührter Raum, wo die Natur mit sich alleine ist. Gehen Sie mit Demut durch und lassen Sie sich einfach führen. Nehmen Sie sich die Zeit für Begegnungen. Die Stille um Sie wird immer tiefer. Sie suchen sich einen Platz, wo Sie sich ausruhen können und finden eine große Weide mit prächtigen ausladenden Ästen. In einer Mulde unter dem Baum mit einem Bett von abgestorbenen Gräsern legen Sie sich hinein und lassen sich von dem Frieden einhüllen. Sie träumen einen Traum von der Natur…

 

Mythologie

 

Die Palmzweige der Sal-Weide werden in der katholischen Kirche am Palmsonntag geweiht und bilden den Kern der mit Eiern behangenen Osterbuschen. Die geweihten Äste werden im ländlichen Raum beim Kruzifix aufgestellt oder auch auf Äckern und Wiesen verteilt. Hier findet sich ein Bezug zum Ursprung des Osterfestes, Ostara und dem Feiern von Fruchtbarkeitsriten. Jedoch symbolisiert der Zweig auch die Leiden, die Passion, der dem Tod und der Wiederauferstehung vorangeht.


Demeter, die Fruchtbarkeitsgöttin der Antike steht mit der Weide und ihrer erneuernden Treibkraft in Verbindung. Mit der Weidenblüte wurde der Wiedererwachen der Natur gefeiert und für die Fruchtbarkeit der Felder steckte man Weidenzweige in die Erde. Im Dunkel eines hohen Weidenstammes und in der Kraft des Verfalles, wenn der noch lebende Baum von innen verfault, findet sich die Göttin des Todes und der Wiedergeburt Persephone. Hohle Weiden sind eine heimliche Pforte zur Anderswelt.


Die beiden lebensspendenden Kräfte Wasser und Mond wurden gemeinsam mit der Wide als Symbole der Fruchtbarkeit der Erde, als Symbole der Göttinnen verehrt. Sie keimt schnell, wächst und gedeiht und stirbt auch schnell. Diese Zyklen und das weiche, wässrige entsprechen der Symbolik der Mondgöttin. Die Weide war gemeinsam mit Erle, sowie dem fruchttragenden Apfelbaum, und Kirschbaum zu den Mondbäumen zugehörig. In der Zeit der Verehrung der großen Mutter wurden sie alle besonders behütet.


Bei den keltischen Druiden fand sich die Weide als der fünfte Baum im Baumalphabet. Es wird vermutet, dass die keltischen Heiler aus Weidenzweigen Initiationshütten, eine Art Schwitzhütte bauten, wo sie auf schamanische Reise gingen, oder Tote eine Wegstrecke in die jenseitige Welt begleiteten. Die Weide ist wie der Holunder ein Schwellenbaum, sie steht zwischen Winter und Frühling.  Diesseits und Jenseits und Land und Wasser. Die weisen Frauen aus der vorchristlichen Zeit fertigten ihre Besen zum schamanischen Flug oder dem reinigenden kultischen Kehren aus Eschenstiel und Birkenruten, die mit Weidenzweigen festgebunden wurden.

 

Mehr darüber lesen Sie in dem Buch „Von Schicksalsbaum und Weltenesche – Wesen und Mythos unserer Bäume“, von Robert Pap und Friedgard Engländer.

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