Vom Ort des Unheils zum Ort der Kraft
- Pascal Zielke
- vor 5 Tagen
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Zur dunklen Abendstunde bewege ich mich mit meiner Ausbildungsgruppe in Geomantie langsam durch den dichten Pfaffenwald in der Nähe von Bad Hersfeld. Die Dunkelheit hat längst den Wald umhüllt und nur das fahle Licht des Vollmondes durchdringt die Nacht. Während wir uns dem alten Pfaffenwald-Friedhof nähern, wirken manche der Teilnehmer angespannt. Die Dunkelheit und die Atmosphäre des Ortes scheinen sie zu berühren. Dann tauchen die ersten Grabsteine unter einer alten Linde auf.
Ein schauriger Ort
Der Friedhof im Pfaffenwald bei Bad Hersfeld wurde während des Zweiten Weltkriegs angelegt. Er diente als Begräbnisstätte für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Diese Menschen, größtenteils aus Osteuropa und anderen besetzten Gebieten, wurden unter oft unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen und fanden hier ihre letzte Ruhe. Der Friedhof wurde von den Lagerinsassen selbst provisorisch angelegt. Er erinnert heute noch an das Leid der Menschen, die fern ihrer Heimat starben. Auf einem Schild steht: „Hier ruhen 453 Kriegstote, die in der schweren Zeit 1940 - 1945 fern ihrer Heimat starben“.
Die Angst vor der Endlichkeit
Warum erzeugen Orte wie dieser einen Schauer in uns? Der Tod konfrontiert uns mit dem Unbekannten und mit der Tatsache, dass unser Dasein auf dieser Welt begrenzt ist. In einer Gesellschaft, die stark auf Fortschritt, Jugend und das „Hier und Jetzt" fokussiert ist, wird der Tod gerne verdrängt, u.a. weil er diese Werte in Frage stellt. Die Auseinandersetzung mit dem Tod bedeutet, sich mit der eigenen Verletzlichkeit und Sterblichkeit auseinanderzusetzen, was viele Menschen als bedrückend oder unangenehm empfinden.Früher lebten Familien oft gemeinsam mit mehreren Generationen unter einem Dach, und es war nicht ungewöhnlich, dass man einen verstorbenen Angehörigen im eigenen Haus aufbahrte. Heute geschieht Sterben oft in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen, fernab vom Alltag der Menschen. Das Bewusstsein für die Endlichkeit des körperlichen Lebens und das Gespür für den natürlichen Prozess der Seele ist uns abhandengekommen. Daher verwundert es nicht, wenn Menschen beim Anblick von Mahnmalen oder mit Blumen geschmückten Unfallstellen am Straßenrand, schaudern oder wegblicken. Zu unangenehm sind die Gefühle, mit denen wir nicht mehr umgehen können. Diese Orte erinnern uns abrupt daran, dass der Tod allgegenwärtig ist und jederzeit eintreten kann. Sie holen den Tod aus dem abstrakten Raum in die Wirklichkeit zurück. In einer Kultur, die den Tod gern aus dem Alltag ausklammert, wirken solche Erinnerungsorte umso eindringlicher und verstörender. Sie sind im wahrsten Sinne „Orte der Präsenz“, an denen wir die Chance haben, dem Seelischen Raum zu geben und das Unbekannte anzunehmen.
Seelenort Sühnestein
Ein eindrückliches Beispiel für den selbstverständlichen Umgang unserer Vorfahren mit dem Tod sind Orte, an denen Sühnesteine bzw. -kreuze aufgestellt wurden. Ein Sühnestein oder Sühnekreuz ist ein historisches Mahnmal, welches in der Regel an Orten aufgestellt wurde, an denen ein Verbrechen, meist ein Mord, geschehen ist. Oftmals waren sie mit Symbolen wie einem Schwert oder Messer versehen, angeblich die Mordwaffe. In der Vergangenheit spielte die Errichtung eines Sühnesteins eine bedeutende Rolle im Umgang mit Orten des Unheils. Die Idee hinter einem Sühnestein war nicht, den Täter für seine Tat zu bestrafen, sondern vielmehr, die Energie des Ortes, an dem eine schlimme Tat geschehen war, durch die Errichtung des Steins in seiner gestörten Atmosphäre positiv zu wandeln. Dies geschah in einem rituellen Akt, bei dem der Stein in die Erde gesetzt und verankert wurde. Dieser Prozess sollte die Lebenskräfte des Ortes beruhigen und die Schockwellen, die durch die Tat verursacht wurden, auflösen.
Man kann sich das so vorstellen: Wenn an einem Ort ein Unfall oder ein Verbrechen geschieht, prallen gewaltige Energien aufeinander. Diese Energien, die durch Schock und Schmerz freigesetzt werden, können sich im Ort festsetzen und dort an einer bestimmten Stelle konzentrieren. Ohne eine rituelle Reinigung oder Wandlung kann diese Energie weiterhin aktiv bleiben und in seltenen Fällen sogar zu wiederholten Gewaltausbrüchen führen. Der Sühnestein diente also dazu, die gebundene Energie zu erlösen und den Ort wieder in einen harmonischen Zustand zu versetzen.
Ein weiterer Aspekt des Sühnesteins war seine symbolische Bedeutung für die Seele des Opfers. Der Stein half, die Seele entweder in die jenseitigen Welten zu führen oder sie mit der Erdseele zu verbinden, je nach Glauben und Tradition. Häufig waren auf diesen Steinen Schwerter eingraviert, die die Verbindung zwischen Himmel und Erde, die axis mundi, symbolisierten. Das Schwert, einst als Waffe des Todes geführt, wurde in diesem Kontext zu einem heiligen Symbol, das den Weg zwischen den Welten öffnet.
Durch die Errichtung solcher Steine wurde ein Ort des Grauens in einen heiligen Ort verwandelt. Die negative Energie wurde gewandelt, und der Ort erhielt eine neue, positive Bedeutung. Nicht selten finden wir hier geomantische Phänomene wie kosmische Einstrahlpunkte und Ätherlinien, welche durch die rituelle Wandlung des Ortes entstanden sind. Leider fehlt uns heute der bewusste Umgang mit Plätzen des Unheils und das Wissen um die rituelle Umkehrung von manifesten Energien. Orte, an denen Morde, Unfälle oder Misshandlungen geschehen sind, bleiben heute oft unberührt und können so weiterhin eine bedrohliche Atmosphäre ausstrahlen.
Das Paradiesische hinter dem Schauder
Zurück zum Pfaffenwald-Friedhof. Wir versammeln uns unter einer prägnanten alten Linde, welche wie der „Hofbaum“ des Platzes wirkt. Sie hütet diesen Ort und verleiht ihm eine besondere Atmosphäre. Nun erhält jeder die Möglichkeit sich einen Platz zu suchen und sich rituell und meditativ der präsenten Seelenwelt an diesem Ort zu widmen.Ich sitze unter der Linde und schaue dem Treiben zu, so gut ich jeden im Kerzenschimmer ausmachen kann. Plötzlich erklingt ein herzliches Lachen in meinem Inneren. Von oben herab senkt sich eine Wärme auf mich nieder und umhüllt mich sanft. Diese besondere innere Wärme ist mir nur allzu bekannt, da ich an diesem vergessenen Ort schon öfters verweilte. Es handelt sich um eine engelhafte Präsenz, die über diesen Ort wacht und Menschen, die sich auf ihn einlassen, begrüßt und umfängt. So auch diesmal wieder. Nicht wenige in der Gruppe berichten später unabhängig voneinander, dass dieser Wächter des Ortes sie empfangen hat, lichtvoll und humorvoll mit ihnen ins Gespräch ging. Es zeigte sich, dass dieser Friedhof ein Ort ist, der eine Anbindung ans Paradiesische hat. Trotz Schmerz und Leid haben die damaligen Gefangenen ihre Verstorbenen an diesen besonderen Ort in tiefer Liebe und Verbundenheit bestattet und ihnen einen Platz geschaffen, der sie ebenso liebevoll aufnimmt.
Auch heute, in unserer modernen Welt, braucht es wieder die unmittelbare Erfahrung dieser paradiesischen Sphären. Geomantie kann einen Beitrag leisten, für eine lebendige Ahnenkultur in der Friedhofsgestaltung und für den Umgang mit Orten, an denen sich menschliche Abgründe manifestierten. Wenn wir funktionierende Plätze für unsere Ahnen und Verstorbenen in der Gestaltung unserer Ortschaften einbeziehen, wird ein Beitrag geleistet, um die Beschäftigung mit dem Tod zu normalisieren.
Äußerlich sieht der Friedhof im Pfaffenwald im Dunklen wie ein Ort des Schreckens aus einer Gruselgeschichte aus. Doch der Schein trügt. Hier empfängt uns eine Qualität des Todes, die verständlich macht, warum sich jeder Mensch irgendwann dem Unbekannten hingibt: pure Liebe.
Ursprünglich erschienen in: Erde – Mensch – Raum, Ausgabe 3/2024





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