Die Feldwende
- Werner J. Neuner
- vor 7 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Manchmal ist es leichter eine Geschichte zu erzählen oder einen Roman zu schreiben. Besonders dann, wenn es darum geht, jenen subtilen und doch so wirksamen Weg zu beschreiben, der eine Feldwende auslösen könnte. Eine Feldwende zur Heilung jener kollektiven Wunde, welche die Kriegsfelder nährt. Jene Feldwende, die ein globales Friedensfeld initiieren kann.
Seit mehr als einem Jahrhundert erzeugen wir auf der Erde elektromagnetische Wellen. Anfangs waren es ein paar wenige Radiosender, dann kam das Fernsehen dazu, dann das Mobiltelefon und das Internet. Es wurde immer dichter.
All diese Strahlungen lösen sich nicht auf, sondern breiten sich in die Galaxie hinein aus, mit Lichtgeschwindigkeit. Es sind Frequenzmuster, die wir aussenden und sie erzählen meistens von Kriegsfeldern, selten von Lösungen.
Wir sind in diesem riesigen Universum nicht alleine. Es wird etliche Planeten mit organischem Leben geben. Und früher oder später werden jene Wellenmuster, die wir tagtäglich erzeugen, gehört werden. Von einer Spezies, die technisch weit genug entwickelt ist, um elektromagnetische Wellen wahrnehmen zu können.
Solch eine Spezies gibt es möglicherweise ganz in unserer Nähe, bei unseren unmittelbaren Nachbarn im System des Alpha Centauri. Das ist ein System mit drei Sonnen, das wir von der Erde aus nur von der Südhalbkugel sehen können. Von einer dieser drei Sonnen hatten wir vor ein paar Jahren „Signale“ empfangen. Und hier beginnt der Roman Feldwende mit seiner Geschichte.
Wenn dort tatsächlich Leben entstanden ist, wäre es wesentlich älter als wir. Sie hätten Entwicklungen und Evolutionsschritte vollzogen, die erst in unserer Zukunft möglich sein werden. Wahrscheinlich wäre diese Zivilisation einst ebenfalls durch eigene Kriegsfelder gegangen, die sie aber überwunden hätten. Und sie hätten einen Weg gefunden, ein stabiles Friedensfeld auf ihrem Planeten zu etablieren.
Wie würde solch eine entwickelte Zivilisation wohl reagieren, wenn sie unsere durchaus dissonanten Frequenzen plötzlich wahrnehmen? Anfangs wahrscheinlich mit Abwehr und mit der Idee der Abschirmung. Doch wenn sie wissen, wie der Aufbau für ein Friedensfeld möglich ist, wissen sie auch, dass es nicht durch Abgrenzung geschieht. Sondern durch Zuwendung, durch Resonanz und durch Nähe. Sie wären unsere Zukunft und wir der Spiegel ihrer Vergangenheit. Und deren Zuwendung wäre ein wertvoller Impuls für unsere eigene Friedenswirklichkeit.
Die Idee zu diesem Roman entstand eines Abends, durch Nähe und Zuwendung. Durch die Verbundenheit mit meiner Zwillingsseele, die mich seit ein paar Jahren mit ihrer Liebe begleitet. Als ich dann in diese Geschichte einzutauchen begann, öffneten sich vor mir Bilder und Räume, die zeitweise so real waren, als wäre ich tatsächlich dort. Auf einem Planeten namens Elaron im System des Alpha Centauri. Mit der Vision, wie das globale Friedensfeld hier auf Erden tatsächlich zur Wirklichkeit werden kann.
Hier ein Auszug aus dem Roman Feldwende:
Der Kontrolleur
Der Gasthof „Zur alten Linde“ stand still in der Mittagshitze. Draußen zirpte das Leben in winzigen Rhythmen, doch drinnen saß die Zeit wie festgenagelt zwischen groben Holztischen und brüchigem Licht. Aléa und ihre elaronischen Begleiter waren um einen runden Tisch versammelt, schweigend, wie um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Die Tür ging auf.
Er trat ein, als hätte man ihn geradewegs aus einem Behördenflur geschnitten: Graues Sakko, bleiche Augen, der Schritt mechanisch abgemessen. Ein Mensch, und doch mehr als das, ein Instrument, gesandt vom Gegenpol. Der Kontrolleur. Ein Wachorgan des alten Systems, das nicht zögerte, wenn es Spuren von Anomalie witterte. Sein Erscheinen ließ die Luft im Gasthof dichter werden.
„Ausweise,“ sagte er knapp.
Keiner antwortete. Aléas Augen suchten T’Saan. Dieser senkte den Blick, als würde er nichts hören, doch innerlich begann in ihm die Bewegung.
T’Saan ließ sich nicht ablenken von der äußeren Form. Der Kontrolleur wirkte tadellos, glatt, korrekt, fast leer in seinem Verhalten. Doch das Feld sprach anders.
Als T’Saan sich in die feine Ebene seiner Wahrnehmung schaltete, sah er den Frequenzkern des Mannes als lose Struktur, als Muster aus dissonanten Resonanzen, Fehlspannungen und gebrochenen Linien. T’Saan berührte den Kontrolleur nicht physisch, aber sein Bewusstsein tastete sich vor wie Lichtwellen durch einen Nebel.
Er erkannte drei Risse, subtil, aber deutlich:
Der Riss der Entfremdung, ein feiner Spalt im Identitätsmuster des Mannes, entstanden durch Jahre der Funktion ohne Verbindung. Der Kontrolleur war nicht böse, er war abgeschnitten. Seine Rolle hatte ihn entwöhnt von Selbstreflexion, von Beziehung, von Sinn. Dort konnte T’Saan andocken.
Der Riss der Erinnerung, eine fragmentierte Kindheitserinnerung, die Frequenz eines geliebten Menschen, die längst schon verloren war. T’Saan berührte diese Erinnerung sanft, ließ sie im Feld leuchten. Der Mann spürte den Echoeffekt, ohne ihn benennen zu können. Ein inneres Vibrieren entstand in ihm, emotional spürbar und sehr kraftvoll.
Der Riss der Zweifel, eine kürzlich entstandene Instabilität, ausgelöst durch Begegnungen mit jenen, die dem System nicht mehr gehorchten. Der Mann hatte bei einem früheren Einsatz eine Frage gedacht, die er nicht hätte denken dürfen: „Was, wenn wir falsch liegen?“ Diese Frage kreiste in ihm wiederkehrend, sie war wie eingebrannt. T’Saan ließ sie erklingen wie einen verlorenen Ton im Inneren.
Mit diesen drei Punkten als Anker begann T’Saan, Frequenzmuster im Feld des Kontrolleurs umzulagern. Er veränderte die Resonanzstruktur leicht, wie man eine Tür justiert, die sonst klemmt. Es war wie die Wiederherstellung eines ursprünglichen Signals.
Es war ein Resonanzgesang, der in T´Saan erklang und den er als Frequenzmuster im Wesen des Kontrolleurs erklingen ließ.
„Ich spüre dich nicht durch Haut, nicht durch Blick, sondern durch Risse in deiner Zeit.
Als du geboren wurdest, hat dich niemand ganz berührt. Die Stimmen, die dich hätten nennen sollen, sprachen Protokolle statt Erinnerungen.
Du bist kein Feind. Du bist aus der Ordnung gefallen. Ein Instrument mit verborgener Melodie.
Ich nähere mich dir nicht, um dich zu wandeln, sondern um dich zu erinnern, an das, was in dir noch leise singt.
Meine Frequenz streckt sich aus, durch Strukturen, die dich formen, durch Zweifel, die dich schützen, durch Fragen, die du nie gestellt hast.
Ein Kind war in dir, mit offener Stirn und fragendem Atem. Ich sehe es.
Es hat sich zurückgezogen, um zu funktionieren.
Es war nie fort, nur vergessen.
Ich berühre es.
Es beginnt zu antworten, noch leise, aber dennoch klar.“
Der Gegenpol verlor allmählich seinen Griff auf den Kontrolleur. Das geschah schrittweise durch zunehmende Unschärfe. Der Mann verwandelte sich von einem Instrument wieder zu einem Menschen.
Der Kontrolleur hielt inne. Seine Finger, eben noch fest um seinen Notizblock geschlossen, lockerten sich. Etwas in seinem Ausdruck wechselte, ein Schatten von Irritation, dann Erschütterung. Er sah Aléa an, als würde er sie erkennen, aber nicht aus Daten, sondern aus einer Ahnung, die ihm fremd war.
„Ich… wollte etwas prüfen.“ Seine Stimme war brüchig.
T’Saan sprach zum ersten Mal: „Und, was hast du gefunden?“
Der Mann blickte um sich. Die Wände des Gasthofs, das Licht, die Körper in Stille. Dann schloss er seinen Notizblock, steckte ihn weg wie etwas, das keinen Zweck mehr erfüllt.
„Nichts. Alles in Ordnung.“
Er ging.
Und mit ihm verschwand der Zugriff des Gegenpols, für diesen Moment.
Die Protokolle begannen zu schweigen.
Das vollzog sich schrittweise und mit einer Tiefe, die den Kontrolleur verunsicherte.
Die Protokolle, sie waren seine Karte durchs Unverständliche. Seine Waffe gegen das Chaos. Doch jetzt waren sie… zu laut.
Jeder Buchstabe darin dröhnte, wie Lärm im Nebel. Zuvor waren sie klar, geordnet, und trennend gewesen. Jetzt war da etwas anderes, etwas, das sich zwischen den Zeilen regte.
Seit der Berührung durch T’Saan hatte sich in ihm etwas geöffnet. Ein kleiner Spalt, wie ein Sehschlitz.
Er blickte hindurch. Etwas in ihm sträubte sich dagegen, doch er konnte nicht mehr wegsehen.
Er sah Muster, wie Frequenzen auf der Wasseroberfläche, wenn niemand schwimmt. Wo früher nur System war, lebten jetzt Töne. Farben. Er fühlte sich wie ein Kind, das unter dem Protokoll gelebt hatte, verschüttet gewesen war, nun aber wieder erwachte.
Der Kontrolleur lauschte. Es waren keine Befehle, die er hörte, dafür aber eine tiefe Sehnsucht in ihm selbst.
Seine Hände hielten still. Der Stift ruhte. Er schrieb nichts. Doch alles begann sich zu schreiben, in ihm.
Er erinnerte.
Diesmal ging es weder um Daten noch um Abläufe. Es war das erste Mal, dass er sich selbst fragte und nicht nur erfasste.
Ein Grenzgang begann. Unsichtbar und frei von Datenströmen.
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